Kaninchen schlachten kann ich auch nicht … oder: Wie vernetzt will ich leben?

Ein Freund erzählte mir von dieser neuen Zukunftsvision – die längst keine Vision mehr ist, sondern eine Frage der Zeit – das Leben in einem komplex vernetzten Haushalt. Er meinte das mit den vernetzten Türen, Rolläden, Toastern, Kühlschränken, Wasserbetten … usw. Im Grunde ja keine schlechte Idee. Zum Beispiel die Sache mit der Dusche, die anhand meines virtuellen Profils an meiner Handgelenk-Uhr oder einfach nur an meiner Statur erkennt, dass ich es bin, und die Temperatur aus dem Regenwasser-Duschkopf so wählt, wie ich es gerne mag (schön heiß). Super Sache – solange sich mit Hilfe der Softwareeinheit nicht auch noch die Mitarbeiter irgendwelcher Spionagegesellschaften über meine schwerkraftnachgebende Bauchdecke lustig machen. Kaninchen schlachten kann ich auch nicht … oder: Wie vernetzt will ich leben? weiterlesen

Man fand sie auf dem Bambusteppich liegend

Man fand sie auf dem Bambusteppich liegend, flach, wie eine Scholle, leblos. Arme und Beine seitlich ausgestreckt. Er saß auf dem Sofa, direkt über ihr und heulte. Seine ewig stummen Vorwürfe hatten sie zerdrückt … geplättet. Später gab er an, er hätte Liebe aus ihr heraus quetschen wollen, aber keine gefunden. Er bedauerte nur sich selbst … Der Kommisar ließ ihn abführen.

Geist allein macht auch nicht glücklich

An manchen Tagen könnte ich auf den Körper gut verzichten. Da würde der Geist mir völlig reichen. Dann lege ich es ab, das lästige Fleisch. Habe genügend Wolle im Kopf, damit ich mir was zusammenspinnen kann, um mir was Schönes daraus zu stricken. In dem ich mich ausruhe dann. Muss nur aufpassen dass ich mich nicht verirr, die Fäden sich nicht verknoten, die Gedanken nicht zerfransen … ich mich verlier.
Manchmal muss ich ihn eben doch wieder neu füttern, den hungrigen Geist. Da käme mir mein Körper wieder sehr gelegen.

Gestern am Meer

Ich sitze am Strand, den Geruch warmer Algen und ausgedünsteter Sonnenmilch in der Nase. Vor mir das Plätschern nacheinander brechender Wellen in der friedlichen Brandung – stetig, sich um nichts kümmernd.

Ein skelettierter Fischkopf liegt im nassen Sand. Der Schaum des Wassers fließt durch ihn hindurch und wiegt ihn sanft hin und her. Die Wellen brachten ihn mit.

Vorgestern lag hier der aufgeblähte Leib eines Toten. Ein Kellner der vor Wochen gesunkenen Fähre. Einer der beiden Vermissten noch, nach denen sie die Suche bereits aufgegeben hatten. Er lag mit dem Gesicht im Sand und seine Hände waren ein bisschen angefressen. Von den Fischen, sagen sie.

Die Möwen hatten ihn  zuerst entdeckt, bevor die Leute aus dem Dorf ihn bargen. Als sie ihn umdrehten, sollen Krebse aus seiner Hose gekrabbelt sein.

Mein Vater treibt noch immer irgendwo da draußen – in seiner Wanderhose und der blauen Wolfskin Jacke. Sie suchen ja nicht mehr. Es sollte die Reise seines Lebens werden, die er sich so lange gewünscht hatte und das Unglück geschah auf dem Hinweg.

Vor mir plätschern die Wellen, die jetzt den Fischkopf wieder mit sich nehmen. Das Meer interessierts nicht.

Heike Vullriede (C) 2013 auf Fehmarn