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Am Meer

Ich bin wieder dort. Wenn ich die Augen schließe, sitze ich wieder auf meinem Stein. Blicke auf die Brandung vor mir. Rieche den Algen-Fisch-Geruch. Höre das unentwegte Rauschen und das satte Klatschen antreibender Wellen vor am Strand liegenden Felsen. Rhythmisch und unerschütterlich. Egal, was geschieht. Es treibt an, in graugrünen Wogen. Schlägt um. Schäumt auf. Bricht an Felsen und Steine. Läuft plätschernd aus. Zieht sich zurück. Mischt sich in die nächste Woge. Immerfort.

Weiter entfernt, nichts als bewegte Masse. Blaue Flecken aus Wolkenlücken gespiegelt. Am hellen Horizont unbewegte Ruhe. Die Grenze zum Himmel.

Das Meer ist die Ewigkeit.

Vor meinen Füßen ein ausgewaschener weißer Stein. Den ich aufheben muss, weil er mich aussucht. Er schmiegt sich in meine Handflächen, während ich ihn reibe. Ich fühle seine glatten Wölbungen. Gerundet, wie die Meereswogen, denen ich mit meinem Blick folge. Ich könnte Stunden hier sitzen. Allein. Weg von der Welt. Eingetaucht in die Ewigkeit.

Was würde ich dafür geben, noch ein einziges Mal am Strand zu sitzen und die Unsterblichkeit des Meeres zu erleben. Das Meer wird niemals tot sein.

Ich öffne die Augen. Erschrecke vor den dunkelgrünen Farben im Garten vor mir. Schließe sie erneut. Doch jetzt sind sie weg. Die beruhigenden Bilder vom Meer…

Ich wollte doch nur einen Espresso trinken

Ich wollte doch nur einen Espresso trinken. Am Bahnhof, in der City. So wie jeden Samstagvormittag. Und dabei die Züge beobachten. Jetzt saß ich hier, in einer fremden Stadt. Auf einer vermoosten Mauer vor dem Fluß und aß Pommes Frites aus der Tüte. Mit den Fingern, wie die jungen Leute neben mir. Dabei lauschte ich den Trommelschlägen eines Straßenmusikanten. Ich hatte es einfach getan. Hatte ein paar Schritte anders gesetzt, als sonst am Samstagvormittag. War in den Zug gestiegen, der gerade dort stand, und mitgefahren. Einfach so. Ohne Ziel, ohne Plan und war überrascht, dass es ging.

Kauend beobachtete ich die Leute, die an mir vorbei liefen. Mit ihren Taschen und Kindern an der Hand. Eilig und vertieft. Fahrradfahrer schlängelten sich zwischen ihnen hindurch. Es war deren Welt. Eine Welt, die schon immer neben der meinen existiert hatte. Unbemerkt von mir. Nun, auf einmal, war ich mittendrin.

Der Bahnhof lag nicht weit entfernt. Ich hätte hinüber laufen können, um zurück in meine alte Welt zu fahren. Ich konnte aber auch hier bleiben. Oder noch weiter fahren. In eine weitere Stadt. Und von da aus noch weiter. Es hätte der Beginn einer Weltreise sein können. Das war der Moment, in dem ich eine Entscheidung traf. Zurück – oder einmal durch alle Welten dieser Erde!

Ich fuhr zurück. Aber dort war nichts mehr, wie es war. Weil ich am Bahnhofscafé nicht meinen Espresso getrunken hatte, wie sonst um diese Zeit, hatte mich ein Freund verpasst, der mich dort immer traf. Da ich auch mein Handy nicht mitgenommen hatte, konnte er mich nicht erreichen.Er wollte auch nicht alleine im Café sitzen. Deshalb stieg er in sein Auto und fuhr zu meinem Haus. Kurz vor dem Haus, direkt an einer großen Kreuzung, warf er noch einmal einen Blick auf sein Handy, weil er glaubte, ich hätte eine SMS geschickt. Dadurch übersah er das Rot seiner Ampel. Dem heranrauschenden Tankwagenfahrer gelang es gerade noch, dem Fahrzeug meines Freundes auszuweichen. Doch das Ausweichmanöver führte dazu, dass er den schweren und vollbeladenen Lastwagen nicht mehr unter Kontrolle hatte. Mit einem lauten Knall raste das Ungetüm in mein Haus, durchschlug die Wohnzimmerwand, zermalmte die Küche und zertrümmerte eine weitere tragende Wand. Glücklicherweise konnte sich der Fahrer noch in Sicherheit bringen, bevor das Haus in sich zusammenfiel.

Nun liegt mein Freund mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus. Die Gegend um mein Haus herum wurde großräumig abgesperrt, damit die Feuerwehr den Brand und die Rauchentwicklung kontrollieren kann.

Und das alles nur, weil ich heute Morgen nicht wie gewohnt meinen Espresso am Bahnhof getrunken hatte.

Nun, wo ich sowieso nichts mehr habe, an was ich mich festhalten mag, könnte ich auch wieder zum Bahnhof fahren und diese Weltreise starten.

Heike Vullriede (C) 2011