Archiv der Kategorie: Mondschreiberei

Geist allein macht auch nicht glücklich

An manchen Tagen könnte ich auf den Körper gut verzichten. Da würde der Geist mir völlig reichen. Dann lege ich es ab, das lästige Fleisch. Habe genügend Wolle im Kopf, damit ich mir was zusammenspinnen kann, um mir was Schönes daraus zu stricken. In dem ich mich ausruhe dann. Muss nur aufpassen dass ich mich nicht verirr, die Fäden sich nicht verknoten, die Gedanken nicht zerfransen … ich mich verlier.
Manchmal muss ich ihn eben doch wieder neu füttern, den hungrigen Geist. Da käme mir mein Körper wieder sehr gelegen.

Es ist egal, wo du wohnst

Ein Bussard kreist zwischen den riesigen Schornsteinen einer stillgelegten Fabrik. Ganz ruhig zieht er seine Kreise, damit ihm nicht die Ratte entgeht, die sich zwischen dem weggeworfenen Fastfoodmüll ein Festmahl sucht. Irgendwo zwischen grauen Häuserblöcken und Schalkefahnen liegt der Bahnhof und irgendwo dahinter Julias Zuhause. Ein Haus mit neun Mietparteien in einer Straße ohne Bäume und ohne Spielplatz. Julia ist es egal. Sie findet es gemütlich.

Im Urlaub mit ihren Eltern wanderte sie an kultivierten Feldern und an gepflegten Waldrändern entlang. Julia kam es vor, wie reinste Wildnis. Sie fühlte sich wie eine Indianerin. Ihr Spazierstock war ein Speer und ihre Thermoskanne ein Büffellederwassersack. Abenteuerlich!

Doch jetzt freut sie sich auf Zuhause. Je höher die Häuser und grauer die Straßen, umso mehr hüpft ihr Herz! Denn hier hat sie Freunde.

Pampasgras im Gegenlicht

Pampasgras im Gegenlicht. Nur ein paar Fetzen tiefliegender Sonne schmeicheln meinen Augen noch. Herbst schon. Nicht überraschend, aber unerwartet schnell. Gedankenversunken harke ich welke Blätter vom Rasen. Klee hat sich eingeschlichen und Moos. Das Gras wird alt. Genau, wie ich. Winterkälte mag ich nicht. Ich bin noch nicht so weit, kalte Füße zu akzeptieren. Gleichmäßig verteile ich Dünger mit Eisen mit dem Handschuh. Anti-Aging für den Rasen! Und ich? Ich gehe ins Haus und trinke eine Tasse Tee mit Vitamin C. Man muss sich vorbereiten.

Kopf unter Wasser

Kopf unter Wasser
Wie wild soll ich hochzappeln?
Arme und Beine sind sterbensmüde
Meine Augen erblicken die Tiefe
verwaschen und trüb, wie Suppe
Wo sind die Fische hin?
Wie weich ist ein algenbedeckter Grund?
In den Ohren verschwimmen die Rufe der Menschen da oben
Ich atme Wasser statt Luft
Es macht mich seltsam satt
Behutsam umfängt Kühle meine Haut
Nur Treibenlassen und Absinken
So schlafe ich
langsam schwebend
getragen von sanft treibenden Wogen
im Fluss des Lebens
als Körper ohne Gedanken
unbekümmert dahin

Sehnsucht

Da ist sie wieder
Sie hat mich nicht vergessen
Nur kurz beiseite gelegt

Und ich fühlte mich so geerdet
auf den festen Orten
unter den wohlplatzierten Wörtern
und verbundenen Netzen
Hier bin ich, hier bleib ich

Bis dieses Lied im Radio erklang
dieser Mandelbaum mir seine Knospen entgegenspreizte
der Wind mir Meeresrauschen und Möwengeschrei vormachte
Da hat sie mich wiederentdeckt

Blicke an dir vorbei
Weiß gar nicht, wohin
Nur weit weg

Hab mir mein Leben gedacht

Hab mir mein Leben gedacht
wie seicht dahinfließendes Wasser
mit ein wenig Geplätscher am Uferrand
und ein bisschen Wellenspiel mittendrin
Doch ich hab die Wetter vergessen!
Der Wind schäumte mein Leben auf
peitschte es über Böschungen
und trieb es durch tiefe dunkle Täler
Es stürzte in Fluten über zerklüftete Klippen
breitete sich aus, in weiten Strömen
wo es sich endlich beruhigte
bis es irgendwo fast ganz versickerte
Bald wird der letzte Tropfen in der Mutter Erde verschwinden
Es war spannender als gedacht – auf jeden Fall!

Heike Vullriede, 2011