Gestern am Meer

Ich sitze am Strand, den Geruch warmer Algen und ausgedünsteter Sonnenmilch in der Nase. Vor mir das Plätschern nacheinander brechender Wellen in der friedlichen Brandung – stetig, sich um nichts kümmernd.

Ein skelettierter Fischkopf liegt im nassen Sand. Der Schaum des Wassers fließt durch ihn hindurch und wiegt ihn sanft hin und her. Die Wellen brachten ihn mit.

Vorgestern lag hier der aufgeblähte Leib eines Toten. Ein Kellner der vor Wochen gesunkenen Fähre. Einer der beiden Vermissten noch, nach denen sie die Suche bereits aufgegeben hatten. Er lag mit dem Gesicht im Sand und seine Hände waren ein bisschen angefressen. Von den Fischen, sagen sie.

Die Möwen hatten ihn  zuerst entdeckt, bevor die Leute aus dem Dorf ihn bargen. Als sie ihn umdrehten, sollen Krebse aus seiner Hose gekrabbelt sein.

Mein Vater treibt noch immer irgendwo da draußen – in seiner Wanderhose und der blauen Wolfskin Jacke. Sie suchen ja nicht mehr. Es sollte die Reise seines Lebens werden, die er sich so lange gewünscht hatte und das Unglück geschah auf dem Hinweg.

Vor mir plätschern die Wellen, die jetzt den Fischkopf wieder mit sich nehmen. Das Meer interessierts nicht.

Heike Vullriede (C) 2013 auf Fehmarn

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