Kaninchen schlachten kann ich auch nicht … oder: Wie vernetzt will ich leben?

Ein Freund erzählte mir von dieser neuen Zukunftsvision – die längst keine Vision mehr ist, sondern eine Frage der Zeit – das Leben in einem komplex vernetzten Haushalt. Er meinte das mit den vernetzten Türen, Rolläden, Toastern, Kühlschränken, Wasserbetten … usw. Im Grunde ja keine schlechte Idee. Zum Beispiel die Sache mit der Dusche, die anhand meines virtuellen Profils an meiner Handgelenk-Uhr oder einfach nur an meiner Statur erkennt, dass ich es bin, und die Temperatur aus dem Regenwasser-Duschkopf so wählt, wie ich es gerne mag (schön heiß). Super Sache – solange sich mit Hilfe der Softwareeinheit nicht auch noch die Mitarbeiter irgendwelcher Spionagegesellschaften über meine schwerkraftnachgebende Bauchdecke lustig machen.Jetzt komme ich vielleicht rüber wie eine altmodische Bedenkenträgerin, die jede Neuerung skeptisch beäugt und erst mal ablehnt.

Aber mal weitergesponnen – will ich wirklich, dass mein Kochtopf gemeinsam mit meinem Herd und dem Wasserhahn beschließt, dass er aus dem geplanten Eintopf doch lieber eine dünne Suppe macht, weil ich in letzter Zeit etwas wenig getrunken habe und die Smartuhr eine winzige Tendenz zu kritischen Nierenwerten weitergeleitet hat?

Doch, worüber mache ich mir da eigentlich Gedanken? Wer kocht in Zukunft schon noch selbst? Das macht doch der Topf ganz alleine, gibt es bereits. Da muss man nicht einmal mehr selber Gurken schnibbeln. Macht alles der Topf. Schon heute kenne ich Leute, die nicht mehr richtig kochen, sondern jedes Gericht mit Tütchen zubereiten. Zeit ist Geld! Wer kann auch schon mit frischen Lebensmitteln gegen Geschmacksverstärker, Salz und Fooddesigner ankochen? Da muss ja alles fade schmecken, was man selber macht.

Ich frage mich nur, ob wir später noch in der Lage sein werden, selber eine Möhre kleinzuschneiden … oder den Duschhahn zu betätigen – huch, händisches Eingreifen gibt dann sicher eine Fehlermeldung im gesamten Haushaltsnetzwerk! Und wenn das dann zusammenbricht … ich kann mich bereits heute nicht mehr selbst versorgen. Wenn die Supermärkte nichts ins Regal stellen und die Restaurants nicht öffnen, muss ich hungern. In meinem Garten wachsen blöderweise Blumen und keine Kartoffeln. Kaninchen schlachten kann ich auch nicht. Ich könnte sie nicht mal einfangen. Fraglich ist auch, ob ich nach stundenlangem Buddeln im Garten auf eine zuverlässige Wasserquelle stoßen würde …

Aber mal angenommen, ich fände eine Kartoffel in meinem Garten – später … also nach einem kompletten Ausfall meines Haushaltsnetzwerkes … dann würde ich trotzdem verhungern, weil ich vergessen hätte, wie man sie zubereitet und mein Kochtopf es mir nicht sagt. Und waschen könnte ich mich auch nicht, selbst wenn ich Regenwasser gesammelt hätte, weil der blöde vernetzte Waschlappen streikt …

Nein, ich glaube ich möchte nicht komplett vernetzt leben. Bin jetzt schon abhängig genug, oder?

(c) Heike Vullriede

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