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Gestern am Meer

Ich sitze am Strand, den Geruch warmer Algen und ausgedünsteter Sonnenmilch in der Nase. Vor mir das Plätschern nacheinander brechender Wellen in der friedlichen Brandung – stetig, sich um nichts kümmernd.

Ein skelettierter Fischkopf liegt im nassen Sand. Der Schaum des Wassers fließt durch ihn hindurch und wiegt ihn sanft hin und her. Die Wellen brachten ihn mit.

Vorgestern lag hier der aufgeblähte Leib eines Toten. Ein Kellner der vor Wochen gesunkenen Fähre. Einer der beiden Vermissten noch, nach denen sie die Suche bereits aufgegeben hatten. Er lag mit dem Gesicht im Sand und seine Hände waren ein bisschen angefressen. Von den Fischen, sagen sie.

Die Möwen hatten ihn  zuerst entdeckt, bevor die Leute aus dem Dorf ihn bargen. Als sie ihn umdrehten, sollen Krebse aus seiner Hose gekrabbelt sein.

Mein Vater treibt noch immer irgendwo da draußen – in seiner Wanderhose und der blauen Wolfskin Jacke. Sie suchen ja nicht mehr. Es sollte die Reise seines Lebens werden, die er sich so lange gewünscht hatte und das Unglück geschah auf dem Hinweg.

Vor mir plätschern die Wellen, die jetzt den Fischkopf wieder mit sich nehmen. Das Meer interessierts nicht.

Heike Vullriede (C) 2013 auf Fehmarn

Am Meer

Ich bin wieder dort. Wenn ich die Augen schließe, sitze ich wieder auf meinem Stein. Blicke auf die Brandung vor mir. Rieche den Algen-Fisch-Geruch. Höre das unentwegte Rauschen und das satte Klatschen antreibender Wellen vor am Strand liegenden Felsen. Rhythmisch und unerschütterlich. Egal, was geschieht. Es treibt an, in graugrünen Wogen. Schlägt um. Schäumt auf. Bricht an Felsen und Steine. Läuft plätschernd aus. Zieht sich zurück. Mischt sich in die nächste Woge. Immerfort.

Weiter entfernt, nichts als bewegte Masse. Blaue Flecken aus Wolkenlücken gespiegelt. Am hellen Horizont unbewegte Ruhe. Die Grenze zum Himmel.

Das Meer ist die Ewigkeit.

Vor meinen Füßen ein ausgewaschener weißer Stein. Den ich aufheben muss, weil er mich aussucht. Er schmiegt sich in meine Handflächen, während ich ihn reibe. Ich fühle seine glatten Wölbungen. Gerundet, wie die Meereswogen, denen ich mit meinem Blick folge. Ich könnte Stunden hier sitzen. Allein. Weg von der Welt. Eingetaucht in die Ewigkeit.

Was würde ich dafür geben, noch ein einziges Mal am Strand zu sitzen und die Unsterblichkeit des Meeres zu erleben. Das Meer wird niemals tot sein.

Ich öffne die Augen. Erschrecke vor den dunkelgrünen Farben im Garten vor mir. Schließe sie erneut. Doch jetzt sind sie weg. Die beruhigenden Bilder vom Meer…